Dokumentarfilm „Freund oder Feind“ über die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung


Kleine Vorschau mit interessanten Links zu den Protagonisten und Mitwirkende des Filmes. Streicht Euch schon mal den Dezember fett im Terminkalender an! Nicht verpassen!

Ende Juli war Premiere in Köln. Als Mitwirkender (Christoph Jung) hatte ich Gelegenheit, vorab eine erste Version dieses Films anzuschauen. Die Filmemacherin Ruth Stolzewski lässt Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Wolf Science Center, die Populationsgenetikerin Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur, die Ärztin und Buchautorin Daniela Pörtl sowie meine Person den roten Faden durch ihre Dokumention ziehen. Als Mitwirkender ist man nicht neutral. Trotzdem meine ich guten Gewissens sagen zu können, dass wir es mit dem derzeit besten Film zum Thema Mensch-Hund zu tun haben.

„Freund oder Feind“ beleuchtet die Wurzeln und die Entwicklung der besonderen Beziehung von Mensch und Hund. Der Film ist ein spannender Streifzug durch deren zahlreiche Facetten. Wir erleben Birgit Krüger, an MS erkrankt, mit ihrem Behindertenbegleithund Ragnar, einem so genannten Kampfhund. Wir dürfen daran teilhaben, wie Ragnar nicht nur praktische Dinge erleichtert, vielmehr durch die innige Beziehung der beiden das Leben schlicht lebenswerter macht.

Es ist immer wieder faszinierend, wenn man Border Collies bei der Arbeit zuschauen kann. Wir dürfen es. Border Collie Trainer Dr. Martin Solbach zeigt die Arbeit dieser Hütehunde mit Schafen, die zusammen mit dem Hirten eine Trilogie bilden, wie Solbach auf Basis seiner langjährigen Erfahrung plastisch erklärt. Hier wird angedeutet, welch große Bedeutung der Hund für die Menschheit bei der Herausbildung der Viehhaltung hatte. Kurt Kotrschal zieht diesen Bogen zum Wolf und dem Erfolg, den das gemeinsame Jagen mit dem Menschen nach sich zog. Daniela Pörtl beleuchtet die neurobiologischen Mechanismen, die die Annäherung der beiden Spezies erst möglich machten und noch heute für die einzigartige Bindung untereinander sorgen. Sie bringt uns die Besonderheiten dieser Verbindung zweier Spezies nahe und warum das überhaupt funktionieren kann.

In der Schweiz spricht die Regisseurin mit Experten von der Albert-Heim-Stiftung der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft und dem Naturhistorischen Museum Bern. Deren Präsident, Dr. med. vet. Andrea Meisser, führt durch eine Ausstellung zu Barry, dem Bernhardiner, der in den Alpen vor 200 Jahren nachweislich 40 Menschen das Leben rettete. Barry stehe als Symbol für die Arbeitsleistung der Hunde im Dienste des Menschen. Dr. Marc Nussbaumer, Kurator im Naturhistorischen Museum mit der größten Hundeschädelsammlung der Welt, zeigt die Verfehlungen der modernen Zucht anhand des Schädels beim Bernhardiner. Nussbaumer ist überzeugt, dass der Mensch nach dem Motto „can do will do“, ohne Zögern alles realisieren würde, was züchterisch machbar sei und für diese Qualzuchtprodukte auch reichlich Abnehmer finden würde (Das sind auch wir tierliebenden Deutschen). Zu diesem Thema lässt Ruth Stolzewski noch weitere interessante Akteure – auch Hundegegner – sprechen.

Filmemacherin Ruth Stolzewski und ihr Team im Wolf Science Center

Die Regisseurin schreibt über einen Drehtag in Belgien: „Am letzten Tag waren wir in Belgien um dort mithilfe von Sandra Wucherpfennig von der Tierhilfe Belgien die schrecklichen Missstände in unserem Nachbarland zu dokumentieren. Im Mittelpunkt der EU werden massenweise Hunde in Welpenfarmen völlig legal produziert und verramscht und tausende gesunde Hunde in Tierheimen eingeschläfert, wenn sie nach 2 Wochen keinen neuen Besitzer finden. Ein Tierschutzskandal, von dem nur wenige wissen!

Man braucht nicht nach Rumänien oder Spanien zu gehen. Das von Menschen aus Profitgier erzeugte Elend der Hunde liegt direkt im Herzen der Europäischen Union! Industrielle Massenproduktion von Hunden und zugleich massenweise Exekutionen gesunder Hunde in Tierheimen sind die Realität am Sitz der EU-Kommission, am Sitz des EU-Parlaments, am Sitz der EU-Bürokratie mit hoher Produktivität an Vorschriften. Doch es gibt keinerlei Regularien zur Hundezucht, dafür industrielle Hundeproduktion und zugleich massenhafte Euthanasie gesunder Hunde – mitten in der EU. Wohl kein Zufall: das nennt der Ökonom einen schnellen Warenumschlag.

„Apollo“, Hamburg 2000: ohne Not mit 8 Schüssen von einem Polizisten niedergestreckt und nach 1 Stunde Todeskampf euthanasiert.

„Freund oder Feind“ erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der Mensch-Hund-Beziehung in Deutschland: das Pogrom gegen Hunde im Jahr 2000. Roswitha Murrweiss vom Verein Listenhunde-Nothilfe e.V. lässt diese schlimme Zeit für Hunde und Hundefreunde aufleben. Sie belegt, dass die Hamburger Behörden wissentlich zuschauen, wie sich ein 17fach vorbestrafter Gewalttäter um die gerichtlichen Auflagen nicht schert und seine scharf gemachten Mischlinge unangeleint und ohne Maulkorb in der Nähe eines Spielplatzes laufen lässt. Nachdem diese Hunde den kleinen Volcan tot gebissen hatten, dauerte es nur ganze zwei Tage bis die Gesetze gegen Hunde raus waren. Von den eigentlichen Ursachen, von der beschönigenden, fast komplizenhaften Ignoranz der Behörden gegenüber der Kriminalität eines bestimmten Klientels sollte abgelenkt werden. In ganz Deutschland wird, maßgeblich von den Grünen und der Bild-Zeitung angeheizt, eine pogromartige Stimmung gegen Hunde entfacht. In Hamburg werden unauffällige Familienhunde aus Wohnungen geholt und euthanasiert. In vielen weiteren Bundesländern werden (stümperhafte) Rasselisten erstellt und damit Hundeschicksale besiegelt. Wir sollten das nie vergessen! Es zeigt, wie schnell und einfach eine solche Stimmung entfacht werden kann und wie skrupellos dies durch Politiker und Medien instrumentalisiert wird.

Foto: Gerd Schuster

Großes Kompliment auch an Gerd Schuster vom Hundezentrum Mittelfranken. Der Hundekenner hat mit der Videokamera den Balkan auf den Spuren der Straßenhunde bereist. Er berichtet, dass Straßenhunde von den meisten Menschen, teils sogar freundlich zugewandt, akzeptiert werden. Schuster fragt, ob wir im vermeintlich hundefreundlichen Deutschland auch so freundlich mit Straßenhunden umgehen würden. Würde eine Mutter ihr Kind einen wildfremden Streuner streicheln lassen? Er erinnert daran, dass freilaufende Hunde auch in Deutschland noch vor wenigen Jahrzehnten zum Straßenbild zählten. Schuster fürchtet, dass sie heute keine Akzeptanz mehr in Deutschland hätten.

„Freund oder Feind“ lässt uns anhand der vielen plastischen Berichte tief in die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung blicken. Er lässt uns miterleben, durch die Experten untermauert, dass Mensch und Hund seit der Steinzeit eine enge Verbindung eingegangen sind, die bis heute lebendig ist. Wir sehen, was für ein Plus an Lebensqualität diese Beziehung gewinnen lässt – und welche Verantwortung wir für den Hund haben. „Freund oder Feind“ zeigt noch viele weitere Facetten und lässt noch eine Reihe interessanter Leute zu Wort kommen. Spannend, informativ und sachlich ergreift er Partei für den Hund.

Leider müssen wir uns noch etwas gedulden: „Freund oder Feind“ wird erst ab Dezember als Video on Demand und auf DVD erscheinen.

Ein Kommentar von Christoph Jung

Bildnachweis: soweit nicht anders bezeichnet sind alle Fotos Screenshots aus der aktuellen Fassung des Dokumentarfilms „Freund oder Feind“ – mit freundlicher Genehmigung von Ruth Sophie Stolzewski

Hier noch einmal alle Links in der Übersicht:
Ruth Stolzewski
http://www.wolfscience.at/de/
http://sommerfeld-stur.at
http://albert-heim-stiftung.ch/
Listenhunde-Nothilfe e.V. oder auf Facebook

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